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Dr. Iris Wangermann

Ich gestehe: Bei mir tanzen die Wörter

Ich sitze gerade gemütlich in meiner Küche. Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee steigt mir in die Nase. Die Sonne scheint fröhlich durch das halb-offene Fenster und ein paar Kinder schlurfen unten auf der Straße mit missmutigem Blick Richtung Schule (wir haben gleich 3 Schulen hier um die Ecke! Ich sehe morgens viele missmutige Blicke 😱!). 

Das erinnert mich an meine Schulzeit 😬. Ich bin auch nicht gerne in die Schule gegangen. Außer in den Deutsch-Unterricht zu Herrn Krügel. Doch dazu später mehr. Ich bin heute – wie so oft – um 6:00 Uhr aufgestanden, um meine üblichen 1-2 Stunden an meinem neuesten Blogartikel zu schreiben. Gerade habe ich auf den „veröffentlichen“ Button geklickt. So ein tolles Gefühl! Jetzt ist Zeit für Kaffee und Frühstück. 

Doch dann macht es „ping“ und ich bekomme eine Whats-App Nachricht von einer Bekannten, Ella: 

Das findest Du in diesem Blogartikel

Ich gestehe: bei mir tanzen die Wörter!

Was soll ich dazu sagen … ich versuche es einmal so: Liebe Ella, ich danke Dir ganz herzlich für Deine Rückmeldung. Ich freue mich sehr, dass Du meinen Blog so gerne liest und ihn „mega interessant“ findest. 

Es stimmt! In meinem Blog findet sich das eine oder andere Wort, dass Du so nicht in unserer Rechtschreib-Bibel findest. Zum einen spiele ich sehr gerne mit Sprache, zum anderen muss ich gestehen: Bei mir tanzen die Wörter manchmal aus Reihe – ganz egal wie viel Zeit ich mir nehme Korrektur zu lesen.

Lieber Herr Schramma: es tut mir aufrichtig leid 🙈! Ich hatte tatsächlich einen Freund gefragt, der mir versicherte, dass Sie mit „er“ am Ende geschrieben werden. Das ist mir jetzt wirklich etwas peinlich. Das nächste Mal werde ich zusätzlich unseren Freund „Google“ bemühen. 

Und doch, liebe Ella … Ich bin ein wenig müde zu hören, dass „ich mir doch „ein wenig mehr Mühe geben soll“. Ich vermeintlich „flüchtig“ arbeite. Denn nichts könnte weniger wahr sein. 

"Das Kind ist einfach anders!"

Quelle: gpt

Es ist schon etwas „verrückt“, die Geschichte mit den Wörtern und mir. Denn bereits als Kind habe ich super gerne gelesen. Ich war die vermutlich jüngste Stammkundin in der Stadtbibliothek und hatte immer mindestens 5 Bücher auf meinem Nachttisch liegen. Die netten Mitarbeiter*innen haben schon mal ein Auge zugedrückt, wenn ich die Bücher nicht rechtzeitig zurückgebracht habe und hatte wunderbare Buch-Tipps für mich. 

In der Schule bin ich nicht so gut zurechtgekommen. Rückblickend habe ich wohl nicht besonders gut „ins System“ gepasst. Denn bei mir tanzten nicht nur die Buchstaben „aus der Reihe“. 

Dafür hatte ich einen ganz wunderbaren Deutschlehrer, Herrn Krügel. Der mir immer gespiegelt hat, dass gar nichts falsch mit mir ist, ich sogar richtig gut mit Sprache und Wörtern umgehen kann. Er hat einen riesigen Unterschied in meinem Leben gemacht! Ich erinnere mich, dass ich mich immer auf seinen Unterricht gefreut habe. Darauf, Bücher und Gedichte zu interpretieren. Ich saß gerne in der ersten Reihe, hatte Deutsch als Leistungskurs und die Abschlussnote 1. 

Herr Krügel hat sicher auch gesehen, dass „die Wörter bei mir tanzen“. Aber er hat nicht auf diese „vermeintliche Schwäche“ geschaut, sondern meine Sprach-Stärken gefördert. So konnte ich mir die große Freude am Schreiben bewahren. Bekomme immer wieder die Rückmeldung, dass meine Texte sehr gerne gelesen werden. Gerade auch, weil sie „ein wenig anders“ sind. 

Aber es stimmt: Bei mir tanzen die Wörter manchmal aus der Reihe. Es spielt überhaupt keine Rolle, wie oft ich einen Text lese: Ich sehe manche Buchstabendreher einfach nicht. 

Ich vermute, dass mein Gehirn einfach etwas „anders verdrahtet“ ist. Heute würde man vielleicht sagen: „Iris, Du bist neuro-divers!“ Ich bin heilfroh, dass mich niemals jemand dahin gehend getestet und in eine dieser vielen „Anders-Boxen“ gesteckt hat. Denn diese Boxen sind von uns Menschen konstruiert. Und sie grenzen aus. Sie sagen nichts weiter aus als: „Passt nicht in unser eng definiertes Weltbild“. Statt zu sagen „ist an einem Ende eines weiten, diversen Spektrums.“ 

Dieses Weltbild ist leider völlig veraltet und braucht dringend eine neue Ausrichtung. 

Denn es ist so: Mutter Natur macht keine Fehler! So bin weder ich noch sind die vielen anderen Menschen, die „nicht in die gesellschaftliche Norm-Box passen“ Ausreißer. Vielleicht bringen ja gerade wir „die nötige Flexibilität“ – nicht nur im Denken – mit, die dazu beiträgt, dass wir aus unserer alten, engen Geschichte in eine enkeltaugliche Zukunft wachsen können. 

Dazu kommt, dass ich bi-kulturell aufgewachsen bin, als Deutsch-Österreicherin. In diesen Kulturen spricht man nur vermeintlich die gleiche Sprache (hierzu habe ich vor langer Zeit einmal meine Doktorarbeit geschrieben). Das heißt: Ich habe schon früh gelernt, mit Sprache „sehr flexibel und dehnbar“ umzugehen. 

Mein Arbeitsalltag ist zudem zweisprachig und mit den meisten meiner internationalen, Freund*innen spreche ich Englisch. Wenn ich von einer Sprache in die andere wechsle, dann vermischen sich ganz gerne mal die Stellung der Wörter im Satz. Ich spreche dann etwa Deutsch, aber die Wörter „folgen noch“ der englischen Grammatik. Das findet sich auch in meinen Texten wieder. Sprache ist für mich immer auch ein Gefühl, oftmals sogar eine gänzlich andere Welt. Ich habe da keinen  „Schalter“ den ich innerlich umlege. 

Wenn ich so darüber nachdenke, will ich das auch gar nicht. Mich selbst stört das offen gesagt überhaupt nicht. Es hat für mich eher etwas „synergistisches“. Ich vermische diese beiden Sprach-Welten und Realitäten zu etwas Neuem, Dritten. 

Ich kann aber nachvollziehen, dass es viele Menschen „aus ihrer Deutschen Sprach-Bahn“ wirft. Wie das eben immer so ist, wenn sich mir im Leben etwas „anders“ präsentiert, als ich es gewohnt bin. 

Müssen meine Leser*innen jetzt mit "schlampigen Texten" leben?

Danke, liebe Ella, dass Du mir den letzten Anstoß für diesen Blogartikel gegeben hast. Ich wollte ihn schon länger schreiben. Denn ich bin mir natürlich darüber bewusst, dass viele Menschen über meine Art zu schreiben und meine „tanzenden Buchstaben“ stolpern. Kooperationspartner*innen könnten denken, dass ich „einfach schlampig arbeite“, oder „mir keine Zeit nehme“. Genauso, wie Du es interpretiert hast. Dabei könnte nichts weniger wahr sein. 

Ich verliebe mich regelrecht in meine Texte und nehme mir viel Zeit dafür. Stehe morgens früh auf, um zu schreiben. Ich nehme mir so lange Zeit, bis meine Texte sich richtig anfühlen, lese x Mal darüber, bis ich sie raus in die Welt schicke. 

Fun Fact: Ich habe seit ein paar Jahren zwei Rechtschreib-Korrektur-Programme auf meinem PC installiert. Sie weisen mich sehr höflich, aber direkt auf die wichtigsten Schreibfehler hin. „Fritz Schramma“ kannten sie leider bisher nicht 😬 (jetzt schon, ich habe ihn ins Programm gefüttert). 

Vielleicht kann ich in Zukunft auch eine Schreib-Fee beschäftigen, die meine Blogartikel und alles andere, was ich schriftlich in die Welt bringe, Korrektur liest. Bis dahin bitte ich um etwas Nachsicht. Und … wenn Du (oder eine*r andere*r meiner Leser*innen) einen Rechtschreibfehler siehst, dann schicke mir doch gerne einen Hinweis 😁. Vielen Dank!

Wer schreibt hier eigentlich?

Hallo, ich bin Iris! Ich bin Interkulturelle Diplom-Psychologin, interaktive Workshop-Facilitatorin, Forscherinnen-Seele, Bloggerin & Speakerin aus Köln. Ich bin Expertin für Inclusive Leadership, Intercultural Teambuilding und liebe Schokolade.

16 Gedanken zu „Ich gestehe: Bei mir tanzen die Wörter“

  1. Liebe Iris,
    das ist ein ganz wunderbarer Text von dir, ehrlich und authentisch. Wir habe doch alle unsere kleinen oder großen Besonderheiten und das macht uns doch auch als eigenständige Persönlichkeiten aus. Wie langweilig das Leben sonst wäre, wenn alles super perfekt ist.
    Ich danke dir, es lässt mich milde auf meine eigenen Eigenarten schauen.
    Herzliche Grüße, Birgit

    Antworten
  2. Hallo Iris,

    ich finde es toll, dass du so offen über dieses Thema schreibst und erst recht, dass du dir nicht den Spaß am Schreiben vermiesen lässt!

    Kein Mensch kann alles perfekt und gerade diese ganz unterschiedlichen vielen kleinen Besonderheiten machen uns individuell und menschlich. Und je offener wir damit umgehen, desto mehr wächst hoffentlich auch das Verständnis bei anderen Menschen, bzw. erst einmal überhaupt das Bewusstsein, dass jeder einzelne von uns die Welt ein kleines bisschen anders wahrnimmt und durchlebt. Das, was für einen selber selbstverständlich ist, kann für einen anderen ganz anders sein und eine Herausforderung darstellen.

    Ich hatte gerade gestern wieder so eine Situation – bei mir tanzen nämlich nicht die Wörter, sondern die Gesichter: zusammen mit meiner besten Freundin habe ich mich abends mit einer Bekannten aus dem Stall verabredet, damit unsere Hunde zusammen spielen können. Am Straßenrand parkte ein Auto, von dem ich mir ziemlich sicher war, dass es einer weiteren Bekannten aus dem Stall gehört.
    Auf der Hundewiese trafen wir dann also unsere Verabredung, einige mir unbekannte Leute und… ja. Eine Person, die diese andere Bekannte aus dem Stall hätte sein können. Ich war mir aber echt nicht sicher. Sie sah zwar entfernt so aus – Größe, Figur und Frisur kamen irgendwie hin. Aber während wir im Stall alle mehr oder weniger schlampig in abgewetzten Klamotten herumlaufen, trug diese Person ein Kleid und war recht stark geschminkt. Das hat mich total irritiert und zweifeln lassen. Da sie mich nun auch nicht auf eine Weise begrüßte, aus der ich Rückschlüsse hätte ziehen können, war ich mir den ganzen Abend über unsicher und musste auf dem Heimweg erstmal meine Freundin fragen, ob sie das nun war oder nicht – ja, sie war es. Im Stall erkenne ich sie problemlos, denn da läuft niemand herum, der so ähnlich aussieht, und ich sehe dann ja auch, mit welchem Pferd sie interagiert. Aber so in freier Wildbahn… puh, da bin ich echt aufgeschmissen. Pferde und Autokennzeichen kann ich mir merken, Gesichter nicht.

    Das war mir früher super unangenehm und ja, es lässt mich in sozialen Interaktionen manchmal „schwimmen“ und hat mich auch das ein oder andere Mal schon in peinliche Situationen gebracht. Aber seit ich weiß, dass es auch anderen Menschen so geht und das nichts mit meiner persönlichen Unfähigkeit oder Dusseligkeit zu tun hat, wird es deutlich einfacher.

    Liebe Grüße
    Anne

    Antworten
    • Hallo, liebe Anne,

      danke Dir für Deinen Zuspruch und dass Du Deine Geschichte hier teilst.

      Genau! Es geht ja nicht darum, immer das allerbeste zu geben. Aber Streben nach einer unerreichbaren Perfektion ist eine Falle, der uns immer auf „Nebenschauplätzen“ beschäftigt hält und hier viel Zeit bindet (die man viel besser anderweitig nutzen könnte, bspw. um die Welt zu einem noch schöneren Ort zu machen).

      Deine Geschichte lesend, dachte ich mir … vielleicht könntest Du mit dieser „Besonderheit“ sogar – ganz offensiv – in den Kontakt gehen. Sagen:“Hey, ich freue mich schon, Dich zu treffen, aber Du musst etwas wissen (…) wenn ich Dich also nicht auf den ersten Blick „erkenne“, dann nimm es nicht persönlich. Wenn Du auf mich zukommst, dann würde mich das unterstützen (…). Oder so …

      So hättest Du auch gleich einen „no-go Filter“, denn wer damit nicht gut umgehen kann …

      Liebe Grüße,
      Iris

      Antworten

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