Während ich diese Zeilen schreibe, befinde ich mich in einer kleinen Auszeit, in einem zauberhaften Bio-Hotel in Österreich. Hier ist eine Familie in der vierten Generation dabei, die Welt zu einem schöneren Ort zu machen: modern und nachhaltig. Dabei hat man Ihnen zu Beginn immer mal wieder „den Vogel gezeigt“. Heute ist das ihr Markenzeichen und sie sind damit sehr erfolgreich.
Eingebettet in der Kärntner Bergwelt genieße ich unglaublich leckeres Essen, zauberhafte Wanderungen, einen modernen Spabereich und inspirierenden Gesprächen. Zeit loszulassen, aber auch um mir wieder einmal Gedanken über meine wichtigsten Werte zu machen.
Klar liebe ich die große Freiheit, die ich jetzt schon seit 20 Jahren als Selbstständige genieße. Sicher spielen dabei der Wunsch nach einer täglichen Arbeit, die mich begeistert und mir und anderen Freude bringt, eine wichtige Rolle.
Natürlich will ich mit meiner Arbeit auch etwas Sinnvolles machen, von dem nicht nur ich, sondern auch die nachkommenden Generationen noch etwas haben werden. Selbstverständlich möchte ich die Zukunft mitgestalten.
Aber was sich wie ein roter Faden durch meine Arbeit zieht, sind vor allem „Beharrlichkeit“, „Friedfertigkeit“ und „Schönheit“.
Das findest Du in diesem Blogartikel
Mein Wert Nr. 1: Beharrlichkeit
„Wir haben so wenig Zeit, wir müssen sehr langsam vorgehen (buddhistische Weisheit).“
Etwas nervös und wackelig auf den Beinen stehe ich im Sommer 2000 – mit zahlreichen anderen Inline-Skater*innen an der Startlinie. Es ist ein wunderschöner, sehr heißer Sommertag und der Faakersee glitzert zauberhaft türkisblau. Das Licht scheint durch die Bäume und die Vögel singen ihre Lieder. Adrenalin liegt in der Luft. Gleich geht es los und alle wollen ganz vorn stehen. Nur ich nicht. Denn mein Unfall ist erst 3 Wochen her und ich habe nur ein Ziel: die Angst überwinden und einfach ankommen.
Mit Herbert und Andreas hatten wir für den Marathon geübt. Mit 50 km/h auf einem Fahrradweg an einer Landstraße entlang. Ich an zweiter Stelle. Andreas konnte dem Ast nicht mehr ausweichen, der quer über dem Weg lag. Er stürzte, legte sich quer auf den Boden und ich stürzte über ihn. Landete auf meinen Knien und dem Kinn. Trotz Knie- und Handschoner hieß das: zwei Tage Krankenhaus, zwei tote Zähne, Gehirnerschütterung, Ellenbogen lädiert, bevor ich mich dann selbst entlassen habe (aber das ist eine andere Geschichte).
Dann der Startschuss! Die Gruppe sprintet hektisch los. Ich lasse mich davon – so gut es geht – nicht aus der Ruhe bringen. Versuche einfach, in meinem Tempo zu fahren, zu atmen und die Strecke zu genießen. Ich will ja einfach nur ankommen.
Am Ende lande ich – völlig unerwartet – den dritten Platz. Etliche haben zwischendurch erschöpft aufgegeben. Ich habe nichts davon mitbekommen. Bin einfach in meinem Tempo immer weitergefahren.
Was für ein teaching!
Welches mich bis heute in meiner Arbeit begleitet. Ich bin eher Typ Marathon, statt Sprint. Ich mag es, langsam und gründlich zu arbeiten, und schätze langfristige Kooperationen. Mit vielen meiner Kooperationspartner*innen arbeite ich schon seit über 15 Jahren zusammen.
Denn gerade bei Themen, die Veränderungen auf tieferer gesellschaftlicher Ebene anstoßen wollen, braucht es einen langen Atem. Gegenwind sorgt dabei für starke Flügel und stärkt die Resilienz.
Mein Wert Nr. 2: Friedfertigkeit
„Im Seelengrund ruht aller Streit (Franz von Saales).“
Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wann das angefangen hat, mit meinem Interesse am Thema Frieden. Vielleicht, als ich 1991-1992 mit dem AFS für ein USA Schuljahr absolvieren durfte.
Nur ein paar Jahre vorher war die Mauer gefallen und man sagte uns: „Ihr seid Botschafter*innen für Eure Kultur.“
Ich hatte das damals nicht ganz verstanden. Es fühlte sich aber ziemlich mächtig auf meinen 16-jährigen Schultern an.
In den USA erlebte ich Gastfreundschaft, knüpfte Freundschaften fürs Leben, erlebte aber auch die eine oder andere ungute Situation. Etwa, als mich ein älterer Lehrer, als Deutsche „in die rechte Ecke stellte“, weil ich in einem Aufsatz über Sterbehilfe argumentierte, dass Menschen meiner Meinung nach – bei schwerer, unheilbarer Krankheit – selbst entscheiden sollten, wann es Zeit für sie ist zu gehen. Nur unklar verstehend, aber sehr deutlich fühlen konnte ich, dass sich eine traumatische, persönliche Geschichte hinter seinen aufgewühlten Worten verbarg.
Vielleicht hat meine Suche nach Frieden aber auch schon vorher angefangen: als die Deutsch- und Geschichtslehrer*innen in der Schule uns immer wieder Bilder vom Holocaust zeigten – mit einer Sprachlosigkeit und Unfähigkeit, über all diese Gefühle zu sprechen – die mich verstört zurückließ.
Sicher hatten auch die – nicht aufgearbeiteten – Kriegstraumatisierungen innerhalb der eigenen Familie ihren Anteil.
So war es kein Zufall, dass ich Psychologie studieren wollte.
Zu Beginn des Studiums in Graz lernte ich eine Gruppe älterer Therapeut*innen kenne, die sich regelmäßig zu Systemischen Familienaufstellungen trafen. Ich war sofort fasziniert, wie zwischenmenschliche Dynamiken im Raum sichtbar wurden und wie man damit arbeiten konnte.
Bei jeder sich bietenden Gelegenheit war ich als Stellvertreterin dabei und beobachtete, wie sich ungesunde Verstrickungen lösten und Frieden in die Familiensysteme kam, weil jede*r sich an „den richtigen Platz“ stellte. Auch hier wurde klar welcher immense Einfluss unsere kollektiv unaufgearbeitete Geschichte einen Einfluss hat.
Als mir klar wurde, dass Frieden immer bei mir anfängt, machte ich mich auf die Suche nach einer Aikido-Schule. Bei Dirk Kropp (9. Dan) in Köln übe ich seitdem – fast täglich – diese friedfertige Kampfkunst.
Was Friedfertigkeit für meine Arbeit bedeutet, habe ich in diesem Blogartikel beschrieben: „Warum Schuld, Scham und Schande bei Diversity Themen nichts bringen und ich für mehr Bewusstsein bin.“
Mein Wert Nr. 3: Schönheit
Vor ein paar Tagen lief ich durch den Kölner Stadtwald. Sonnenstrahlen streifen meine Arme, kurz vorher hatte es noch geregnet. Ein Bussard fliegt über meinem Kopf, eine Rabenfamilie spielt mit einem Ball, den ein Kind auf der Wiese vergessen hat. Regentropfen glitzerten auf den Blättern in der Sonne, es riecht nach Erde und ein paar Jogger*innen drehen ihre Runden. Die Nachbarin radelt an mir vorbei, ruft: „Hallo, Iris! Einen schönen Tag Dir“ und fährt weiter.
Ein tiefes Glücksgefühl durchflutete mich. So schön in der Natur! Auch hier, mitten in der Großstadt.
Es gab Zeiten, da wollte ich einfach nur weg – raus aus einem System, das Mensch und Natur erschöpft und oft den Kontakt zum Wesentlichen verliert. Heute spüre ich etwas anderes: Neugier auf die Zukunft. Den Wunsch, neue, menschliche Wege mitzugestalten.
Es ist kein Zufall, dass ich seit über 20 Jahren Brücken zwischen Menschen (verschiedener Kulturen) baue.
Es ist auch kein Zufall, dass ich viele richtig gute Antworten – auf meine brennenden Fragen – von den indigenen Menschen jener Kulturen bekommen habe, die das alte Wissen über Natur und Kosmos in die neue Zeit gebracht haben.
Sie haben mich an die Schönheit des Lebens erinnert und daran, dass wirklich alles miteinander verbunden ist. Dass selbst unsere kleinen, persönlichen Entscheidungen unerwartet transformative Kraft in sich tragen. Für uns selbst, die Familie und unsere (globale) Community.
Schönheit heißt für mich, Gedanken und Gefühle möglichst zu harmonisieren, mich innerlich auszurichten, zu versuchen im Kontakt mit meinen Mitmenschen möglichst das Beste zu tun. Mutter Natur – von der wir alles bekommen, was wir zum Leben brauchen – und die kosmischen Kräfte bewusst wahrzunehmen, zu achten und ehren.
Schönheit heißt für mich letztlich auch, das Leben zu feiern. Jede kostbare Sekunde auf unserem schönen Mutterplaneten Erde auszukosten. Mit allem, was die Seele nährt, wie zum Beispiel gutem Essen und inspirierenden Gesprächen mit Menschen, die mich nehmen, wie ich bin. Und weil ich Stier bin … bedeutet Schönheit für mich auch, meine physische Umgebung möglichst harmonisch und schön zu gestalten. Weil das Auge ja mit genießt.
Am Ende meines Lebens will ich sagen können, dass ich die Welt ein kleines Stück schöner hinterlassen und die Schönheit des Lebens voll ausgekostet habe.



2 Gedanken zu „Meine 3 wichtigsten Werte: Beharrlichkeit, Friedfertigkeit & Schönheit“
Liebe Iris,
mit welch besonderen persönlichen Geschichten du deine Werte erklärst und damit direkt fühlbar machst, danke!
Jede/r von uns sollte sich von Zeit zu Zeit damit auseinandersetzen, warum wir auf die eine und andere Weise so handeln, wie wir das tun.
Danke für deinen Einblick in deine Entwicklung:-)
PS: Der Faaker See ist wirklich schön, machte dort vor Jahren einen Kurzurlaub und in Köln bin ich mindestens einmal im Monat, etwas Stadtluft schnuppern und neue Impulse aufschnappen:-)
Herzlichst,
Gabi
Liebe Gabi,
vielen Dank. Ich freue mich, dass Dir mein Blogartikel gefällt. Ist ja toll, dass Du den Faaker See kennst. Es gibt so viele zauberhafte Ecken in Kärnten. Und ja … die Stadtluft hat auch etwas für die neuen Inspirationen – da bin ich ganz bei Dir.
Herzlicher Gruße, Iris