In Gesprächen mit Graduate Schools, Forschungsverbünden und Principal Investigators höre ich derzeit immer wieder ähnliche Anliegen.
„Unsere Promovierenden kämpfen mit dem Imposter-Syndrom.“
„Viele wirken erschöpft.“
„Wir möchten unsere Mitarbeitenden im Bereich Mental Health besser unterstützen.“
Als Psychologin begrüße ich diese Entwicklung. Es ist so wichtig, dass psychische Gesundheit enttabuisiert wird und Menschen Unterstützung finden. Gleichzeitig frage ich mich, ob wir manchmal die falsche Frage stellen.
Denn nicht jede Form von Erschöpfung ist ein psychisches Problem. Jeder Selbstzweifel eine Störung. Nicht jede Herausforderung benötigt eine therapeutische Antwort.
Vielleicht lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und das größere Bild zu betrachten.
Das findest Du in diesem Blogartikel
Das „Problem“ ist nicht immer die Person
Viele Wissenschaftler:innen bewegen sich heute in Systemen, die von hoher Unsicherheit geprägt sind:
befristete Verträge
steigender Publikationsdruck
internationale Mobilität
komplexe Karrierewege
Drittmittelabhängigkeit
permanente Veränderung
Wenn Menschen unter diesen Bedingungen an ihre Grenzen kommen, bedeutet das nicht automatisch, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.
Manchmal zeigt sich darin auch die Grenze eines Systems.
Wir leben in einer Zeit, in der viele Institutionen noch nach Logiken funktionieren, die für eine andere Welt entwickelt wurden: mehr Stabilität, weniger Komplexität, langsamere Veränderungen.
Die Realität moderner Wissenschaft sieht anders aus.
Das Imposter-Syndrom erzählt uns mehr über Systeme als über Individuen
Besonders deutlich wird das beim sogenannten Imposter-Syndrom.
Oft wird es als individuelles Problem betrachtet.
Doch wer erlebt diese Selbstzweifel besonders häufig?
Frauen.
Internationale Forschende.
First-Generation Academics.
Menschen aus Gruppen, die historisch weniger repräsentiert waren.
Die Frage ist deshalb nicht nur:
„Warum zweifelt diese Person an sich?“
Sondern auch:
„Welche Bedingungen führen dazu, dass Menschen sich nicht selbstverständlich zugehörig fühlen?“
Zugehörigkeit entsteht nicht allein im Kopf einzelner Menschen.
Sie entsteht durch Kultur.
Durch Kommunikation.
Durch Führung.
Durch die Art, wie wir miteinander arbeiten.
Führungskräfte müssen keine Therapeut:innen werden
Viele PIs möchten ihre Teams besser unterstützen.
Das ist eine wichtige Entwicklung.
Doch die Antwort besteht aus meiner Sicht nicht darin, Führungskräfte zu halb ausgebildeten Mental-Health-Expert:innen zu machen.
Für psychische Erkrankungen braucht es qualifizierte Fachpersonen.
Die Aufgabe von Führung sieht anders aus.
Es geht darum,
zuzuhören,
schwierige Gespräche führen zu können,
psychologische Sicherheit zu schaffen,
Grenzen zu respektieren,
unterschiedliche Lebensrealitäten wahrzunehmen,
Vertrauen aufzubauen,
und Zugehörigkeit aktiv zu fördern.
Kurz gesagt:
Wir brauchen nicht mehr Therapie in der Führung.
Wir brauchen mehr Menschlichkeit in der Führung.
Inclusive Leadership ist Zukunftskompetenz
Genau deshalb gewinnt Inclusive Leadership zunehmend an Bedeutung.
Nicht als weiteres Buzzword.
Sondern als Antwort auf die Herausforderungen moderner Forschung.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert heute ausdrücklich Maßnahmen zu Diversität, Bias-Sensibilisierung und inklusiver Zusammenarbeit.
Das hat gute Gründe.
Wissenschaftliche Exzellenz entsteht nicht nur durch Fachwissen.
Sie entsteht dort, wo Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven erfolgreich zusammenarbeiten können.
Inclusive Leadership bedeutet, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich sicher genug fühlen, Fragen zu stellen, Fehler zuzugeben, neue Ideen einzubringen und sich als Teil eines größeren Ganzen zu erleben.
Was künstliche Intelligenz damit zu tun hat
Während wir diese Diskussion führen, verändert künstliche Intelligenz die Wissenschaft grundlegend.
Viele Aufgaben werden schneller.
Manche werden automatisiert.
Neue Möglichkeiten entstehen beinahe täglich.
Gleichzeitig wächst bei vielen Forschenden die Unsicherheit.
Welche Fähigkeiten werden künftig noch gebraucht?
Wie definiere ich meinen Wert?
Was bleibt meine Aufgabe, wenn Maschinen immer mehr leisten können?
Je mehr Technologie in unsere Arbeitswelt einzieht, desto wichtiger wird eine andere Fähigkeit:
Menschlichkeit.
Empathie.
Vertrauen.
Urteilsvermögen.
Beziehungsfähigkeit.
Gemeinsame Sinnstiftung.
Das sind keine weichen Faktoren.
Es sind Zukunftskompetenzen.
Von der Reparatur zur Gestaltung
Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe nicht darin, Menschen immer besser an überfordernde Systeme anzupassen.
Vielleicht geht es darum, neue Formen des Zusammenarbeitens zu entwickeln.
Forschungskulturen, die Resilienz fördern statt Erschöpfung zu produzieren.
Führung, die Zugehörigkeit schafft statt Isolation.
Arbeitsumfelder, in denen Unterschiedlichkeit nicht als Problem, sondern als Ressource verstanden wird.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Wie können wir Menschen reparieren, die Schwierigkeiten haben?“
Sondern:
„Wie gestalten wir Wissenschaft so, dass Menschen ihr Potenzial entfalten können?“
Das ist keine Mental-Health-Frage.
Es ist eine Führungsfrage.
Eine Kulturfrage.
Und vielleicht eine der wichtigsten Zukunftsfragen für die Wissenschaft überhaupt.
Menschliche Entwicklung bleibt eine persönliche Aufgabe
Bei aller Kritik an überholten Strukturen möchte ich eines betonen:
Nicht jede Herausforderung lässt sich durch bessere Führung oder bessere Systeme lösen.
Auch wir selbst sind eingeladen, zu wachsen.
Als Psychologin erlebe ich immer wieder, dass Themen wie Selbstzweifel, Erschöpfung, Perfektionismus oder Schwierigkeiten beim Grenzen setzen nicht nur im Außen entstehen. Sie haben oft auch mit unseren eigenen Prägungen, Erfahrungen und inneren Mustern zu tun.
Deshalb halte ich es für wichtig, dass Menschen lernen, ihre psychologischen, emotionalen und körperlichen Prozesse besser zu verstehen.
Die gute Nachricht ist: Dafür stehen heute mehr Möglichkeiten zur Verfügung als je zuvor.
Meditation und Achtsamkeit gehören inzwischen in vielen Bereichen zum Alltag. Gleichzeitig wächst die Anerkennung körperorientierter Ansätze, die Stressregulation, Resilienz und Selbstwahrnehmung stärken. Coaching, kollegiale Reflexionsräume und Workshops zu Themen wie Kommunikation, Selbstführung oder gesunde Grenzen können dabei helfen, innere Ressourcen aufzubauen und handlungsfähig zu bleiben.
Gerade das Thema Grenzen begegnet mir immer wieder. Hinter Erschöpfung, Überforderung oder dem Gefühl, ständig zu wenig zu leisten, steht oft nicht mangelnde Kompetenz, sondern die Schwierigkeit, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und klar zu kommunizieren.
Deshalb ist es aus meiner Sicht kein Zeichen von Schwäche, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen. Es ist eine Form von Selbstverantwortung.
Dabei geht es nicht darum, Menschen zu optimieren.
Es geht darum, ihre Handlungsfähigkeit zu stärken.
Wer lernt, eigene Grenzen wahrzunehmen und zu kommunizieren, Belastungen frühzeitig zu erkennen und mit den eigenen Emotionen konstruktiv umzugehen, gewinnt nicht nur mehr Stabilität im Arbeitsalltag. Diese Fähigkeiten fördern auch Selbstvertrauen, Resilienz und die Fähigkeit, in komplexen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Gerade in einer Zeit zunehmender Unsicherheit und Veränderung sind diese Kompetenzen keine privaten Luxusgüter.
Sie werden zu zentralen Zukunftskompetenzen.
Die Zukunft der Wissenschaft ist auch eine menschliche Frage
Die Wissenschaft der Zukunft braucht nicht nur bessere Technologien.
Sie braucht Menschen, die gelernt haben, mit Komplexität umzugehen.
Menschen, die ihre eigenen Muster verstehen.
Führungskräfte, die Zugehörigkeit schaffen.
Teams, die Unterschiedlichkeit als Ressource begreifen.
Und Institutionen, die erkennen, dass Exzellenz und Menschlichkeit keine Gegensätze sind.
Künstliche Intelligenz wird viele Prozesse beschleunigen. Neue Technologien werden weiterhin verändern, wie wir forschen, lernen und arbeiten.
Doch gerade deshalb werden jene Fähigkeiten wichtiger, die keine Maschine ersetzen kann:
Empathie.
Vertrauen.
Selbstreflexion.
Beziehungsfähigkeit.
Die Fähigkeit, gemeinsam Sinn zu stiften und auch in Zeiten von Unsicherheit verbunden zu bleiben.
Vielleicht besteht die nächste Entwicklungsstufe der Wissenschaft deshalb nicht allein in neuen Erkenntnissen über die Welt.
Sondern auch darin, wie wir lernen, als Menschen miteinander zu arbeiten.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Führungsaufgabe unserer Zeit.
Weiterführende Workshops


